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Coaching- und Mediationsfälle von Klarau (1. Teil)



Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Coaching- und Mediations-Geschichten zu erzählen. Meine Go Beyond-Partnerin Nicole Kopp hat mich überzeugt, solche Geschichten auch hier im Go Beyond Blog zu publizieren.


Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten wollen wir die Mediation einem breiteren Publikum näherbringen. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

In diesem Artikel (und evtl. Folgeartikel, wenn diese Art der Erzählung auf positive Resonanz stösst), werde ich einzelne Mediations-Episoden und -Fälle aus dem Roman veröffentlichen.

Ich hoffe, du hast ein wenig Spass beim Lesen der ersten Episode und lernst dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfährst zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis». Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.

Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.

„Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten“

Jiddu Krishnamurti – 1895 – 1986, indischer Philosoph


"Frau Kalkbreite und Frau Veltinger, ist Ihnen so weit klar, was Sie von einer Mediation und von mir als Mediator erwarten können?“ Ich schaute abwechselnd die zwei Frauen an, die mit mir am runden Tisch sassen. Sie nickten beide gleichzeitig und schauten wieder auf das A3-Blatt auf dem Tisch, das ich vor ihnen hingelegt hatte. Anhand einer Skizze war ich dabei, ihnen den Ablauf der Mediation Schritt für Schritt zu erläutern.


Ich hatte den Ersten der fünf Schritte erklärt, die ich mit ihnen im Rahmen der Mediation durchgehen wollte.


„Sehr gut, ich erkläre Ihnen immer, bei welchem Schritt wir uns in der Mediation befinden und zögern Sie nicht mich zu fragen, wenn Ihnen was unklar erscheint.“


Ich deutete mit dem Zeigefinger auf den Schritt zwei, der als ‚Themen sammeln‘ beschrieben war: „In diesem Schritt gebe ich Ihnen die Gelegenheit, mir eine Beschreibung der aktuellen Konfliktsituation zu geben. Jede von Ihnen stellt IHRE Sicht der Situation dar. Sie sagen mir, was Sie hierherführt. Ich werde in diesem zweiten Schritt entsprechende Themen notieren, die Sie nennen. Anschliessend können wir diese Themen behandeln und diskutieren. Das können Sie in etwa so betrachten, wie wenn Sie ein grösseres Problem in Teilprobleme strukturieren. Diese Teilprobleme lassen sich dann einfacher lösen. Genau das versuchen wir zusammen. Wenn Sie so wollen, ist der Schritt zwei der Einstieg in die Mediation. Richtig los geht’s mit dem nächsten Schritt. Ich gebe Ihnen einen Überblick, Sie müssen nichts auswendig lernen, ich leite Sie immer Schritt für Schritt an.“


„Obwohl wir das schon alles gemacht haben?“, fragte Frau Kalkbreite. „Ich meine, wir wissen doch, wo das Problem liegt, Herr Klarau. Frau Veltinger ist das Problem!“


„Jetzt aber mal halblang Frau Kalkbreite“, erwiderte Frau Veltinger, „ICH bin sicher nicht das Problem, SIE haben sich immer dagegen gewehrt, Hand für eine einvernehmliche Lösung zu bieten.“


„Wir wissen doch genau, Frau Veltinger, wer hier wen angeschwärzt hat!“, sagte Frau Kalkbreite hitzig.


„Genau! SIE haben doch das Ganze so hingestellt, als ob es meine Schuld war. Sie sind zum Chef gerannt und haben ihm irgendeine Gemeinheit über mich erzählt!“, gab Frau Veltinger zurück.


„Da ist ja absolut absurd!“, lachte Frau Kalkbreite, „warum sollte ICH was Gemeines über Sie erzählen? Sie sind eh schon lange bei allen untendurch! Selbst der Chef weiss, dass Sie schlecht über andere sprechen!“


Die zwei Frauen waren Sachbearbeiterinnen in einem kleinen Bauunternehmen in Granburg. Beide waren langjährige Mitarbeiterinnen der Firma. Dem Unternehmen ging es nicht mehr so gut, die Auftragslage hatte sich kontinuierlich verschlechtert. Während der letzten Jahre wurde die Belegschaft stark reduziert. Demzufolge war die Stimmung im Unternehmen ziemlich schlecht.


Herr Bamberg, der Chef der zwei Damen, kontaktierte mich vor zwei Wochen und bat mich um Hilfe. Er erzählte mir, dass er zwei gut qualifizierte Sachbearbeiterinnen beschäftige, die sich seit einer Weile bekämpfen. Wahrscheinlich, weil auch sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Er versicherte den zwei Damen, dass sie keine Bedenken diesbezüglich haben müssen. Aber das wollten sie ihm nicht glauben. Er meinte, dass unter dem ständigen Gezänke nicht nur die Produktivität der Frauen leide, sondern diese Streitereien auch einen Teil der sonstigen Belegschaft negativ beeinflusse. Er legte ihnen nahe, sich endlich zusammenzureissen und ihre Streitigkeiten einzustellen. Das führte nicht zum Erfolg. Er dachte an die Möglichkeit einer Mediation und fragte die Frauen, ob sie bereit wären, eine solche durchzuführen. Nach meiner Rückfrage bestätigte mir Herr Bamberg, dass er die Frauen wohl eher zu einer Mediation verdonnert hatte.


„Wissen Sie Herr von Klarau, da kann ich nicht mehr ewig zuschauen. Entweder packen es Frau Veltinger und Frau Kalkbreite oder…tja…Sie wissen schon.“


Ich machte Herrn Bamberg darauf aufmerksam, dass die Mediation nur unter dem Aspekt der Freiwilligkeit stattfinden würde. Er solle die Frauen diesbezüglich nochmals fragen bzw. überzeugen. Ihm sei es ja offensichtlich ernst und diese Ernsthaftigkeit solle er auch den Frauen vermitteln. Ich sei gerne bereit zu helfen, falls sich die zwei Frauen für eine Mediation entscheiden. Herr Bamberg konnte die zwei Frauen überzeugen. Was mich in diesem Falle nicht wirklich wunderte: Mit der unausgesprochenen Drohung, dass sie den Job verlieren könnten, war der Entscheid wohl klar.


Die zwei Frauen warfen sich noch zwei drei Beschuldigungen und Beleidigungen an den Kopf, bevor ich sie unterbrach: „Frau Veltinger, Frau Kalkbreite?“


Beide hielten abrupt inne und schauten mich mit roten Köpfen an.


Ich wartete kurz und schaute sie bloss an.


Dann sagte ich: „Was meinen Sie? Sind sie auf diese Art und Weise einer Konfliktlösung einen Schritt nähergekommen?“


Keine der Frauen sagte ein Wort.


„Sehen Sie, dann lassen Sie uns doch versuchen, den von Ihnen gewählte Mediationspfad zu beschreiten. Vielleicht haben Sie beide mehr Erfolge damit, als mit den bisherigen Versuchen. Ist das für Sie in Ordnung? Sind sie dabei?“


„Na, richtig überzeugt bin ich ja nicht aber warum nicht“, sagte Frau Kalkbreite, deren Gesichtsfarbe sich bereits wieder normalisiert hatte, „es soll niemand sagen, ich hätte hier nicht mitgemacht“, dabei schaute sie böse zu Frau Veltinger hinüber.


„Für mich geht das in Ordnung“, sagte Frau Veltinger, „dafür sind wir ja hier.“


Sie schaute Frau Kalkbreite ebenfalls böse an und signalisierte: ‚ICH kooperiere, sehen Sie Herr Klarau? SIE ist diejenige, die immer zickt‘.