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2. Teil: Kampfkunst und Führungskunst: eine Symbiose

Updated: Nov 2, 2020

Im letzten Blogbeitrag haben wir die Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt für Führungskräfte erläutert. Die aktuelle Situation mit Corona ist eine zusätzliche, belastende Situation.


Mohandas Karamchand Gandhi, bekannt als Mahatma Gandhi (links | © 2020 Deutsche Welle) und Professor Cheng Man Ching (rechts | © 2020 Taiji-Forum)


Eine wesentliche Fähigkeit einer Führungskraft ist, in Stresssituationen gelassen, handlungsfähig und integer zu bleiben. Wir haben festgestellt, dass es Führungskräfte gibt, die bei beruflichen (und wahrscheinlich auch privaten) Herausforderungen und Konfliktsituationen sinngemäss mit den 5 fünf Kampfstrategien kämpfen:


  1. Schlage als Erster

  2. Schlage hart

  3. Treffe, wo’s weh tut

  4. Werde nicht getroffen

  5. Nutze deine beste Technik und fiesesten Trick

Um es auf den Punkt zu bringen: Diese Strategien sind kontraproduktiv. Sie führen immer zu Verlusten. Führungskräfte, die sich mit «Gewalt» durchsetzen, schaden sich immer auch selbst. Und von Gewinnen kann hier nicht mehr gesprochen werden.


«Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten»

Mohandas Karamchand Gandhi


Deshalb möchten wir heute herausfinden, welche Herangehensweisen wirklich etwas nützen und wie sie im Berufsalltag anzuwenden sind. Methoden, die helfen, Konflikte zu meistern, Krisen zu bewältigen und Ziele zu erreichen. Nicht irgendwelche Methoden, sondern solche, die aus der Kampfkunst kommen.


Die Oberhand zu gewinnen, ohne dabei andere oder sich selbst zu schaden bleibt das Ziel. Welche wichtige Rolle ein Sparringspartner und Coach nicht nur in der Kampfkunst, sondern auch im Erlernen der Führungskunst spielen kann, beleuchten wir genauer.



Balance & Selbstvertrauen: Komponenten des Erfolgs

Im Gegensatz zu Leistungsportlern verbinden viele Kampfkünstler ihr Bewegungstraining mit gesundheitlichen und philosophischen Sichten. Langjährige, begabte Kampfkünstler können die Unmittelbarkeit des Augenblicks erfassen. Sie erleben, wie sich ihr Bewegungsapparat einer Situation anpasst. Sie handeln weniger steuernd, mehr ermöglichend, Optionen erschaffend und ruhig betrachtend. Sie passen sich der Situation an. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes agil.


Zudem zeichnet Kampfkünstler aus, dass sie bewusst in eine «Niederlage» investieren. Der grosse Tai-Chi Meister Zheng Manqing (Cheng Man-ch’ing) hat diesen Gedanken postuliert. Eine für viele (westliche) Ohren merkwürdig anmutende «Gewinnstrategie».


Versuchen Kampfkünstler während dem Praktizieren ihrer Kampkunst mit einem Coach und Sparringspartner stets nur zu siegen, besteht die Gefahr, dass sie lediglich auf ihre bekannten Bewegungsmuster und Strategien zurückgreifen. Das Lernen aus einem eigenen, veränderten Verhalten, aus dem Experimentieren und Fehler zulassen, sind so stark eingeschränkt.

«Wer als Führungskraft nur auf seine bekannten und bis anhin gewinnbringenden Verhaltensmuster zurückgreift, beschneidet sein eigenes Wachstum»

Gerade im Tai-Chi (Taijiquan) sind die «schiebenden oder klebende Hände» (Tui Shou/Push Hands) eine unvergleichlich einprägsame Partnerübung, bei der physisch erfahren werden kann, was es heisst Druck und Gegendruck zu geben oder umzuleiten und nachzugeben. Es schärft auf unnachahmliche Art die Wahrnehmung der Balance. Man erfährt, was es heisst, auch das «Verlieren» zu üben und zu erleben. Bei den schiebenden Händen werden wir körperlich mit dem konfrontiert, was wir im täglichen Leben praktizieren, wie wir handeln und andere behandeln.


Eine wunderbare Übung für jede Führungskraft. Die Unfähigkeit sanft und trotzdem klar mit dem Gegenüber umzugehen, weist auf unsere eigene Unnachgiebigkeit und Überheblichkeit hin oder auch schlicht auch auf unsere Unfähigkeit, Niederlagen zu akzeptieren.


«Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer Niederlage.»

David Lloyd George


Einen Eindruck dieser schiebenden Hände und der Tanz mit einem Sparringspartner können im Ansatz die zwei verlinkten Videos vermitteln.


Das Erlernen und Erfahren der Balance in der Kampfkunst resultiert immer in ein erhöhtes Selbstvertrauen. Das Training einer Kampfkunst führt zum Optimismus, Konflikte besser bewältigen zu können. Die Vorzüge der Kampfkunst liegen in der Entwicklung von Körper- und Selbstbewusstsein. Eine klare Struktur und ein sicherer Stand führen zu einer ruhigen, zentrierten und friedlichen Ausstrahlung. Sie führt jedoch auch zu einer für sich selbst und das Gegenüber spürbaren Entschlossenheit und Standfestigkeit. Diese Kombination ist nicht nur Kampfkünstlern, sondern auch jeder Führungskraft zu wünschen.


Schon mal Kampfkünstler genau beobachtet? Das Selbstvertrauen manifestiert sich im Auftritt und in der Haltung. Klarer, aufmerksamer Blick. Konstanter, trittfester Schritt. Ökonomische Bewegungen. Und dies nicht nur im Training.


Kampfkünstler strahlen Präsenz aus: nie angriffig, sondern immer in sich ruhend, wohlwollend und respektvoll ihrem Gegenüber. Diese Zuversicht beruht im Wesentlichen auf der Verbesserung der Einstellung: «Ich kann das». Zuversicht ist gerade in der vielzitierten VUCA-Welt eine Fähigkeit, die viele von uns - speziell Führungskräfte - gut gebrauchen können.




Fallstrick: Man kann es auch übertreiben mit dem «Ich»

In der Zuversicht liegt auch ein Fallstrick begraben: Die Selbstüberschätzung. Es besteht die Gefahr, dass das «Ich» eine zu grosse Bedeutung erhält bzw. überhöht wird. Das Ego grätscht dazwischen. Gerade Top-Führungskräfte, die gelernt haben, sich «nach oben zu kämpfen» oder «ihre Position zu verteidigen», können schon mal mit ihrer Hybris kämpfen.


Auch die Beschäftigung mit sich selbst durch Bewegung, Achtsamkeit, Kampfkunst oder Yoga führt nicht zwingend zu mehr Demut und Bescheidenheit. Es kann sogar das Gefühl stärken, schon ein wenig grossartiger zu sein als andere (Jochen Gebauer, Psychological Sience 2018). Dies ist in der Psychologie als Illusory superiority oder «Better-than-Average-Effect» bekannt. Verfallen Führungskräfte in diesen Modus, hilft ein Fokus auf das Wir-Gefühl, eine ernsthafte Selbstreflexion und das Einholen von Feedback. Das passiert oft nicht von selbst. Dabei auf die Unterstützung eines Coaches und Sparringspartners bauen zu können, ist wohl das wirkungsvollste Instrument.


«Egoismus besteht nicht darin, dass man sein Leben nach seinen Wünschen lebt, sondern darin, dass man von anderen verlangt, dass sie so leben, wie man es wünscht.»

Oscar Wilde


Von Achtsamkeits-Trainings ist bekannt, dass Stressoren besser erkannt und gegebenenfalls auch gemieden werden können - zumindest teilweise. Ein effektiverer Umgang mit Belastungen im Alltag scheint sich dabei allerdings kaum zu entwickeln. Reines Achtsamkeits-Training kann sogar dazu führen, dass unsere Arbeitslust flöten geht. (Andrew Hafenbrack & Kathleen Vohs, Organizational Behavior and Human Decision Processes, 2018)

Meditation, Yoga und Achtsamkeits-Übungen schützen nicht vor dem Burnout. Zumindest nicht, wenn sie nur für vorübergehende Erholungspausen sorgen, um nachher umso kräftiger im Hamsterrad der Fremd- und Selbstausbeutung zu drehen. Die Gegenwartsgesellschaft versteigt sich dann sogar in das Muster: Wer trotz Achtsamkeitstraining noch gestresst ist, ist selbst schuld (Greta Wagner, Wann ist Erholung eigentlich Arbeit geworden, 2018)

«Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung.»

Laurence Sterne



Ganzheitlichkeit: Einklang von Körper und Geist ist die hohe Kunst

Im Praktizieren und Erlernen einer Kampfkunst, die im Gegensatz zu reinen Achtsamkeits-Übungen bewusst den ganzen Körper und Geist einbezieht, steckt das Potenzial, verborgene, unbewusste oder vernachlässigte Aspekte der Persönlichkeit zu entwickeln.


Prinzipien und Gesetzmässigkeiten in der Interaktion mit anderen können rational verstanden und in der Kampfkunst erlebt werden. Einprägsam sind körperliche Erfahrungen von Widerständen. Nachgeben und Loslassen. Oder auch mal tatsächlich einen Schlag abzubekommen.


Die Auswirkungen von Gefühlen auf Körperhaltung, Mimik, Sprache und Stimme werden deutlicher. Eine zuversichtliche Haltung zeigt sich in einem festen, aufrechten Stand und in einem klaren Blick. Ein positives Gefühl lässt die Stimme deutlicher klingen. Das ist reziprok: Wer lernt aufrecht zu stehen und zu gehen, seinem Gegenüber mit klaren und festen Blick zu begegnen, entwickelt und stärkt auch eine zuversichtliche innere Haltung.


Wer hat schon mal die Physiognomie ständig gestresster Menschen betrachtet? Ein unsteter Blick kann viel über das momentane Innenleben aussagen. Oft gräbt sich Stress buchstäblich ins Gesicht ein: Entsprechende Furchen sprechen eine deutliche Sprache. Dies zu korrigieren ist zugegebenermassen schwieriger. Wie wir bereits im ersten Teil der Artikelserie festgestellt haben, ist Stress einer der grössten Feinde von Führungskräften. Unter Stress fallen wir unwillentlich in bekannte Verhaltensmuster zurück und nehmen eine verengte Sicht ein.


Im Idealfall können durch das Praktizieren der Kampfkunst Fehlhaltungen korrigiert werden, die sich über Jahre hinweg unbewusst unter Stresseinwirkung entwickelten. Zudem werden Stressauslöser reduziert. Der Lohn ist, dass eine angeschlagene körperliche (und geistige) Gesundheit wieder ins Lot gebracht wird. Es ist daher auch wenig erstaunlich, dass viele Menschen mit Kampfkünsten wie Tai Ji beginnen, weil sie merken, dass sie damit wirksam unter anderem ihren Rücken-, Nacken- oder Kopfschmerzen begegnen können.


Kampfkunst fördert eine gute Erdung. Aus dieser ergeben sich kraftvolle Bewegungen. Aus einer stabilen, kräftigen Mitte können Entwicklungen passieren, immer im Vertrauen darauf, sich jederzeit flexibel anpassen zu können und dabei den eigenen Standpunkt nicht aufzugeben. Wer so elastisch in sich ruht, hat die Basis, sich offen und entspannt auf andere Menschen hinzubewegen - auch in Konfliktsituationen.



Coaching: Gezielte Unterstützung der Kampfkunst bei Führungsproblemen


«Man kann einem Menschen nichts beibringen, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.»

Galileo Galilei

Nicht jeder muss Kampfkunst praktizieren, um eine bessere Führungskraft zu werden. Bereichernd gerade für Führungskräfte ist, wenn die Möglichkeit besteht, Kampfkunst-Elemente im Rahmen einer Führungs-Beratung oder eines -Coachings zu erleben.


Beim Einsatz der Kampfkunst in der Beratung bzw. im Coaching geht es im Wesentlichen um das Einbringen von (Kampf-)Bewegung in den Coaching-Kontext der Führungsperson. Wie bei anderen Verfahren der Körperarbeit (z.B. Aufstellungen) erlebt die Führungskraft sensomotorisch seine Probleme und auch Lösungsmöglichkeiten. Dies macht die Erfahrung tiefgreifender, als lediglich eine Diskussion und kognitive Betrachtung. Die Kampfkunst ist hoch wirksam, da sie sich mit den elementarsten Fragen des Lebens auseinandersetzt und gleichzeitig einen direkten Alltagsbezug aufweist.


Als weitere Methodik kann die Kampfkunst dazu genutzt werden, Situationen aus dem (Berufs-)Alltag quasi als Sparringübung «nachzuspielen» (Torsten Pistor, Kampfkunst und Coaching in der Inneren Form, 2017). Das können Konflikt- oder auch Entscheidungssituationen sein.


Ein (Kampfkunst-)geschulter Trainer und Coach bringt folgende Elemente in die Entwicklung mit ein:

  • Selbstbewusstsein stärken

  • Eigene Handlungskompetenzen und -Spielräume erweitern

  • Präsenz und natürliche Autorität aufbauen

  • Innere und äussere Stärken festigen

  • Klarheit und Punktgenauigkeit steigern

  • Konzentrationsfähigkeit begünstigen

  • Inneres und äusseres Gleichgewicht finden und halten

  • Sicheres, kraftvolles und überzeugendes Auftreten erleben

  • Entschlossenheit und Zielerreichung bestärken

  • Klare Positionierung und Abgrenzung lernen


Wer nicht gerade einen Coach und Kampfkünstler zur Hand hat, kann sich an folgenden 5 Handlungsoptionen orientieren, um als Führungskraft in Konflikten souveräner aufzutreten und zu handeln:


Nutze statt der 5 Kampfstrategien die neuen 5 Handlungsoptionen.

Kampfkunst ist wie Führungskunst - sie will gelernt sein und trainiert werden. Im nächsten Artikel werden wir die 5 neuen Handlungsoptionen näher beleuchten und sehen, wie sie im (Führungs-) Alltag konkret und nutzbringend angewandt werden können.

«Those who are skilled in combat do not become angered, those who are skilled at winning do not become afraid. Thus the wise win before they fight, while the ignorant fight to win.»

Zhuge Liang




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