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  • Nicole Kopp

Emotionen im virtuellen Raum - the good, the bad and the ugly

Aktualisiert: vor 6 Tagen


"Was musst du noch loswerden, bevor wir starten?" fragte ich meinen Kollegen leicht säuerlich - die Frage stellte ich mit klarer Absicht. Es brodelte in mir. Der Typ hatte sein Versprechen gebrochen, mich enttäuscht und ich musste das dringend loswerden. "Du hast dies und das nicht gemacht und ich fühle mich irritiert" schoss es aus mir raus. Ich fühlte einen Cocktail an Emotionen, blieb während dem ganzen Remote-Meeting sarkastisch, schnippisch und gereizt, obwohl es sich "nur" um ein Missverständnis handelte. Bravo Nicole, da gibst du Hunderten Menschen Kurse zu Selbstmanagement und du selbst verlierst die Fassung und lässt dich von Emotionen steuern, tadelte ich mich.

"We are not necessarily thinking machines. We are feeling machines that think" Neurowissenschaftler Antonio Damasio.

Höchste Zeit, uns anzuschauen, was Emotionen im virtuellen Raum mit uns machen.

The good Emotionen steuern unser Denken und Handeln, unsere Wahrnehmung und Entscheidungen. Sie kondensieren in sekundenschnelle umfassende Informationen zu einem Bauchgefühl, unserer Intuition, noch bevor wir rationalisieren können. Im Business-Kontext verhalten sich Menschen jedoch oft so, als gäbe es Emotionen gar nicht. "Sei doch nicht so sensibel" oder "Du reagierst mal wieder emotional" hört man. Der richtige Umgang mit Emotionen ist nichts weniger als zukunftsentscheidend für eine Organisation und das Reden über Emotionen lässt ein Team reifen, meint Teamcoach Svenja Hofert. "Ein unreifes Team hat noch nie darüber nachgedacht, dass es überhaupt Emotionen hat" meint Hofert. Hilfreich als Einstiegsübung ist da zum Beispiel der Mood Meter: Gerade virtuell kann man ihn wunderbar für den Check-in benutzen und jeden im Team fragen, wie er/sie sich gerade fühlt. Fortgeschrittene Teams können spezifische Situationen mit dem Mood Meter analysieren: Was spürst du in solchen Situationen und was möchtest du gerne spüren?



Das Buzzword hier ist Overcommunication: Da die nonverbalen Signale (Blick, Körperhaltung, Armposition) virtuell viel schwieriger zu entziffern sind, braucht es das Überkommentieren von eigenen Gefühlen. Vielen Menschen fehlt jedoch das Vokabular, um Gefühle zu beschreiben. Hier helfen spezifische Listen mit Gefühlen. Oder das nachfolgende Gefühlsrad.


The bad Im virtuellen Raum nehme ich Emotionen häufig gedämpft wahr: So richtig herzhaft lachen mit Arbeitskollegen? Fehlanzeige. Mitfühlen mit dem Wut der Kollegin? Erschwert. Und als mein Kollege im Online-Meeting erwähnte, er sei frustriert, musste ich zweimal nachfragen. Er sah überhaupt nicht so aus, sein innerliches Kochen kam virtuell kein bisschen rüber. Was uns half, aus der unangenehmen Situation herauszukommen? Erstens, das Ansprechen und einander Kommunizieren, was innerlich gerade abläuft, und zweitens, eine Fühlkurve aufzuzeichnen (siehe Bild).


So haben wir sie genutzt: Die X-Achse ist die Dauer des Meetings, die Y-Achse die empfundenen Gefühle - zur Vereinfachung nur positiv/negativ. Wir haben beide die Kurve aufgezeichnet und einander erklärt. Spannend war für mich, dass meine Wut zu Beginn des Meetings meinen Kollegen gar nicht berührte und er erst durch den weiteren Verlauf des Gesprächs frustriert wurde. Das Ansprechen von Emotionen und deren Auswirkungen auf die Stimmung im Meeting und dessen Verlauf hat sich für uns gelohnt. The ugly Das Kleinkind schreit, weil es jetzt dringend DIESES Buch haben will, das die Schwester liest. Die Partnerin erwähnt vorwurfsvoll den überlaufenden Abfalleimer. Die Jugendliche hat einen Keinen-Bock-Tag und lässt ihre Laune an den Eltern aus. In diesen Situationen ist die Gefahr hoch, dass es zu einer Gefühlsansteckung kommt: Unbewusst imitieren wir den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers und durch Spiegelneuronen übertragen sich dessen Gefühle auf uns. Diese Gefühlsansteckung kann dafür sorgen, dass wir schon übelgelaunt in ein virtuelles Meeting eintreten. Und dort munter weiter Leute anstecken. "We call emotions feelings because we feel them in out bodies" Brené Brown Sehr wenigen Menschen gelingt es, auftretende Emotionen bewusst wahrzunehmen, neugierig zu werden und sich zu fragen, weshalb diese Emotionen auftreten. Stattdessen entladen wir sie meist auf andere Menschen. Das Rezept gegen dieses Verhalten? Bewusst innehalten, Box Breating, in sich hineinspüren, die Emotionen identifizieren, beim Namen nennen und der Grund des Auftretens analysieren: Ist einer meiner Grundwerte verletzt worden? Welche meiner Annahmen wurde zerschmettert? Wurde mein Ego angegriffen? Bei grossem Vertrauen im Team ist es auch vorstellbar, dass man eigene Beobachtungen der Emotionen anderer anspricht und diese diskutiert.

Dein Take-Away?

  • Emotionen steuern unser Verhalten und Denken. Wir sind bei weitem nicht so rational, wie wir glauben, zu sein.

  • Auch wenn Emotionen virtuell schwieriger wahrnehmbar sind, kommt ein Team weiter, wenn es Emotionen bewusst in seine Gesprächskultur einbindet, die Auswirkungen von Emotionen auf Verhalten und Entscheidungen kennt und sich vor negativer Gefühlsansteckung bewahrt.

Und für alle, die noch immer nicht von der Macht der Emotionen überzeugt sind:

"Leaders must either invest a reasonable amount of time attending to fears and feelings, or squander an unreasonable amount of time trying to manage ineffective and unproductive behavior."

Brené Brown




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