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Coaching- und Mediationsfälle von Klarau (2. Teil)



Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten wollen wir die Mediation einem breiteren Publikum näherbringen. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

Aus der ersten Geschichte konnten die 5 Phasen einer Meditation herausgelesen werden. Im 2. Teil wirst Du nun weitere Protagonisten aus dem Roman kennenlernen. Du wirst diverse Mediations-Techniken im Einsatz erleben.

Ich hoffe, Du hast ein wenig Spass beim Lesen der zweiten Episode und lernst dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfährst zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis». Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.

Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.

„Die Kirche sagt, du sollst deinen Nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt“

Peter Ustinov – 1921 – 2004, engl. Schriftsteller u. Schauspieler


Als Felicia und ich vor bald zwanzig Jahren heirateten, nahm ich ohne zu zögern den Namen meiner Frau an. Clement von Klarau hatte in meinen Ohren einen wohlklingenden Klang. Und es stand eh nie zur Debatte, dass Felicia ihren Familiennamen ablegen würde. Das waren wir auch eventuellen Nachkommen geschuldet, obwohl ich Felica erläutert hatte, dass ich keine Kinder wollte.


Zudem gefiel ich mir zugegebenermassen auch in der Rolle als Lehnsherr. Felicia gab mir nie zu spüren, dass ich kein Geborener von Klarau war.


Ganz anders mein Schwiegervater Paul.


Ich glaube, Paul hatte nicht persönlich etwas gegen mich. Jeder, der seine Tochter geheiratet hätte, wäre seiner Anfeindung ausgesetzt gewesen.


Paul und ich gaben uns seit Jahren Saures.


Wir waren zudem beide nicht auf den Mund gefallen, was zu entsprechend längeren Schlagabtauschen führen konnte.


Über die Jahre hatten wir unseren Kampf perfektioniert. Wir befanden uns über alles gesehen in einer Pattsituation.


Wenn ich ehrlich war, genoss ich auch unser Spiel und hätte ungern drauf verzichtet. Paul ging es sicher gleich. Nicht, dass wir das je zugegeben hätten.

Felicia hatte uns jedoch schon lange durchschaut und unterstützte jeweils immer einen von uns tatkräftig und sorgte so dafür, dass der ‚Konflikt‘ weiterschwelte. Dabei war sie unberechenbar. Keiner von uns konnte auf ihre Hilfe zählen. Sie konnte sowohl denjenigen von uns unterstützen, der gerade unter die Räder kam oder ihn auch gleich komplett Knock-out setzen.


Ich war 46 Jahre jung, fand mich attraktiv, smart, intelligent und ein wenig eingebildet.

Ich hatte vor Jahren meinen Beruf als IT-Software-Entwickler in einer Bank an den Nagel gehängt. Das war einer der Vorteile, in eine reiche Familie einzuheiraten: Arbeiten musste ich nicht mehr.


Ich hatte nie Mühe mit der Situation, dass meine Frau mehr Geld hatte. Mein Selbstwertgefühl war sehr ausgeprägt.


Untätig war ich jedoch nicht und wollte ich auch nicht sein. Dolce far niente war noch nie mein Ding gewesen.


Ich hatte mich weitergebildet und mich auf Mediationen spezialisiert, sowohl auf Wirtschafts- als auch Familienmediationen. Dabei verdiente ich auch gutes Geld und lag Felicia nicht auf der Tasche. Ich achtete auf regelmässige Arbeitszeiten: Montag bis Donnerstag ‚nine to five‘, was ich immer mal wieder gerne erwähnte, wenn ich meine ehemaligen Arbeitskollegen traf.

In der Mediation konzentrierte ich mich je länger je mehr auch auf Fälle, sprich Konflikte, mit nachbarschaftlichem oder familiärem Hintergrund. Dabei kam es nicht selten vor, dass ich meinen Stundenlohn stark reduzierte, wenn ich sah, dass beide Parteien finanziell nicht gerade gesegnet waren. Ganz verzichtete ich jedoch nie auf ein Entgelt, und wenn ich auf einen grösseren Teil verzichtete, so gab ich das erst bekannt, wenn die Mediation vor einem Abschluss stand.


Ich war der Ansicht, dass eine Bezahlung meiner Mediationstätigkeit immer gerechtfertigt war. Ich war kein Altruist und machte das nicht nur aus Menschenliebe. Zudem wurden die Parteien angehalten, den Mediationsprozess auch mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Konzentration anzugehen. Es war ja ihr Geld. So platt das auch tönte: Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass wenn die Mediation gar nichts kostete, auch der Wert dementsprechend geringer betrachtet wurde.


Für den Ort der Durchführung einer Mediation hatte ich eine eiserne Regel: Mediationen fanden nur bei mir zuhause statt.


Dazu nutzte ich das Kaminzimmer.


Das brachte mit sich, dass ich auch nicht alle Fälle zugesprochen bekam. Gerade in der Wirtschaftsmediation, wenn es um den Konflikt zweier Unternehmen oder auch innerbetrieblicher Konflikte ging, waren mitunter die Örtlichkeiten der Gespräche eine heikle Angelegenheit.


So konnte es sein, dass eine Partei aus Granburg sich sehr wohl für die Durchführung der Gespräche in meinem Haus aussprechen konnte, jedoch z.B. eine Partei der Stadt Moltenberg, die 20km entfernt im Bezirk Weiningel ihren Sitz hatte, dies schon als parteiisch empfand. Ich fackelte bei solchen Querelen nicht lange: Vogel friss oder stirb war hier mein Motto.


Ich betrieb Mediation seit fünf Jahren. Die meisten Mediationen hatte zur Zufriedenheit der Parteien gelöst. Ich hatte aber auch Misserfolge.


Bezeichnend war, dass ich den eigenen Konflikt mit meinem Schwiegervater Paul nicht lösen konnte, wobei wahrscheinlich auch kein wirklicher Handlungsbedarf bestand. Dieser Konflikt war da, um gelebt zu werden.


Neben der Mediation war ich auch im Täter-Opfer-Ausgleich tätig. Hier kam die Initiative jeweils immer von der Staatsanwaltschaft oder von einem Gericht aus. Dabei stand die Wiedergutmachung einer Tat durch den Täter gegenüber dem Opfer im Zentrum. Der Täter hatte dabei erhebliche persönliche Leistungen zu erbringen oder Entschädigung zu leisten. Verfahrenstechnisch gab es viele Parallelen zur Mediation. Der Beginn war jedoch anders, so führte ich immer getrennte Vorgespräche durch, bevor ich die Parteien bei mir zu Gesprächen zusammenführte.


In der Tätigkeit als Mediator hatte ich meine Berufung gefunden. Ich hatte Spass an der Mediation und freute mich, wenn ich die Konfliktparteien so weit brachte, dass sie selbst gangbare und für alle Seiten tragbare Lösungen entwickelten.


——————


Es war 10.15 Uhr und mein Schwiegervater Paul hatte Frau Nassauer und Herr Assgauer Punkt 10.00 Uhr an der Haustüre empfangen und in das Kaminzimmer geführt.


Beim ersten Besuch der zwei Kontrahenten vor ein paar Tagen, hatte Paul noch alle seine schauspielerischen Fähigkeiten eingesetzt. Bei seinem Kotau hatte sein Kopf beinahe das Parkett berührt. Das Verhalten von Paul hatte bei Frau Nassauer und Herr Assgauer zu grosser Verwirrung geführt. Ich vermutete, sie fühlten sich auch ein wenig eingeschüchtert. Paul hatte bestimmt seinen Spass.


Ich musste mich konzentrieren, damit ich die beiden Nachnamen der Klienten nicht vertauschte. Herr Assgauer und Frau Nassauer. Eine falsche Anrede wäre zur Beilegung des Konfliktes von Frau Nassauer und Herrn Assgauer nicht förderlich gewesen.


Herr Assgauer hatte ein leicht herzförmiges Gesicht, also stellte ich mir eine Spielkarte mit dem Herz-Ass vor. Ass für Assgauer.


Frau Nassauer hatte leichte Anzeichen von Tränensäcken unter den Augen und ich kombinierte das mit ‚Nass‘. Also Nass für Nassauer.


Et voilà. Eine altbekannte Technik, damit ich mir mit Hilfe von Bildern, die entsprechenden Gesichter und Namen merken konnte.


Ich legte grossen Wert auf eine profunde Vorbereitung und Organisation einer Mediation. Dazu gehörte auch, fallspezifisch zu entscheiden, welches die beste Sitzordnung war. Ich überlegte mir, welche Sitzgelegenheiten ich im Kaminzimmer für die Mediation nutzen wollte.


Eine Mediation musste nicht zwingend an meinem Schreibtisch stattfinden. Ich hatte die Möglichkeit die Gespräche auf dem Sofa oder am runden Tisch durchzuführen. Ich hatte auch schon auf die Nutzung eines Tisches verzichtet. Die meisten Menschen hatten jedoch das Bedürfnis, sich an einem Tisch ›festzuhalten‹. Das gab ihnen Sicherheit und Halt. Viele Klienten schätzten es zudem, dass ein unverrückbarer Gegenstand zwischen ihnen und ihren ›Kontrahenten‹ stand. Ich liess mich bei der Entscheidung für den genauen Ort für die Durchführung der Gespräche jeweils von meinem Bauchgefühl leiten. Der erste Eindruck der Personen war dabei relevant. Diesen Eindruck gewann ich bereits bei der Begrüssung. Ich beobachtete sehr genau, wie sich die Klienten zueinander und gegenüber mir verhielten.


Meistens entschied ich mich für den runden Tisch. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass die Parteien ein Gespräch an einem runden Tisch oft entspannter führten, als dies bei einem eckigen Tisch der Fall war. Das hörte sich banal an, war aber auch eines der Puzzleteile einer erfolgreichen Mediation. Die Parteien hatten bei einem runden Tisch die Möglichkeit ihr Position leicht zu verändern, wodurch sie sich nicht frontal gegenübersassen. Das konnte hilfreich sein. Bei einem runden Tisch rückte auch meine Rolle nicht ganz so stark ins Zentrum, wie wenn ich die Gespräche von meinem Schreibtisch aus führte. An einem runden Tisch war ich buchstäblich ein Teil der Runde. Es gab jedoch Ausnahmen. Ich hatte sehr wohl schon mitten in Gesprächen, die wir am runden Tisch begonnen hatten, zum Schreibtisch gewechselt. Dies verschaffte mir eine bessere Position bei Streithähnen, die eine ’starke Hand›, zumindest zu Beginn einer Mediation, benötigten.


Bei den Parteien Assgauer und Nassauer ahnte ich, dass ich eine solche Rolle einnehmen musste und hatte mich für den Schreibtisch entschieden. Die Parteien sassen mir gegenüber.


«Sie haben gut reden, Sie sind ja nicht in der Situation!“, hörte ich Barbara Nassauer sagen. Sie hatte recht. Es war jedoch für ein Weiterkommen in der Mediation notwendig, dass sie wenigstens versuchte, die vertrackte Situation mit Herrn Assgauer von einer anderen Warte aus zu betrachten. Ich entnahm dem Tonfall und ihrer Haltung während des Gesprächsverlaufs, dass sie sehr wohl an einer einvernehmlichen Lösung interessiert war. Dies traf auch auf die Gegenseite von Barbara Nassauer zu. Franz Assgauer, mit dem ich Minuten vorher einen ähnlichen Dialog geführt hatte, war bereit gewesen, sehr offen über seine Wahrnehmung und Gefühle zu sprechen. Er hatte treffend seine unnachgiebige Haltung gegenüber Frau Nassauer und die Auslöser, die dazu geführt hatten, beschrieben.


Ich hatte bei den Ausführungen von Herrn Assgauer die Reaktionen von Barbara Nassauer beobachtet und festgestellt, dass sich ihr Gesichtsausdruck von absoluter Ablehnung und Verschlossenheit, zu Interesse gewandelt hatte. Sie lauschte den Äusserungen von Herrn Assgauer interessiert. Das war auch der Moment, bei dem ich ihr den Ball zuspielte, der ihr ermöglichte, das Gehörte zu reflektieren.


„Frau Nassauer, was meinen Sie? Sind Sie dabei, mit mir mal etwas zu versuchen? So wie ich Sie während der Mediation kennengelernt habe, machen Sie bestimmt mit.“


Sie schaute überrascht und neugierig. Ich fuhr fort: „Stellen Sie sich vor, sie können in Gedanken allen Ärger und die erfahrene Kränkung beiseitelegen. Wenn Sie sagen ‚einfacher gesagt als getan‘, dann haben Sie recht. Daher machen wir es so. Versetzen Sie sich mal in meine Position.“ Barbara Nassauer machte grosse Augen und hatte noch keine Ahnung, worauf ich hinauswollte. „Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie sind der Mediator und sitzen auf meinem Stuhl. Sie betrachten von meiner Warte aus Herrn Assgauer und sich selbst. Versuchen Sie es mal. Funktioniert es?»


Sie schaute skeptisch: «Nun, mehr oder minder kann ich mir das vorstellen. Aber was soll das bezwecken?»


Ich erläuterte: «Sie sehen also wie Sie im schwarzen Sessel, an meinem Platz sitzen. Die Hände auf dem Schoss gefaltet. Können Sie sich das Bild vorstellen?“ Barbara Nassauers Gesichtsausdruck veränderte sich. Ich sah, wie sie sich anstrengte, sich in meine Position zu versetzen.


Sie erwiderte konzentriert: „O.k. ja, ich denke schon.“


Ich fuhr fort: „Sie sitzen also auf meinem Stuhl. Sehen Sie sich selbst?“


„Ja, doch.“


„Beschreiben Sie mal, wie Sie die Haltung und Stimmung von Frau Nassauer beschreiben würden, wenn Sie den bisherigen Verlauf Revue passieren lassen?“


Ich versuchte die Bereitschaft bei Barbara Nassauer zu steigern, ihre eigene Position und ihr Verhalten zu hinterfragen. Erst daraus konnte ein Verständnis auch für das Verhalten der Gegenseite entstehen. Es war eine Einstellungsänderung gefordert. Dabei ging es mir erst mal darum, dass Barbara Nassauer ihre derzeit einzige Sichtweise durchbrach oder erweiterte. Das war leicht gefordert und schwer umzusetzen. Dieser durch mich initiierte und angeleitete Perspektivenwechsel und Rollentausch funktionierte nicht immer und ich war auch vorsichtig bei dessen Anwendung. Nicht alle Menschen konnten solche Gedankenspiele nachvollziehen, da die entsprechende Person über zwei Ecken denken mussten. In diesem Falle musste sich Frau Nassauer in meine Position begeben und sich dann selbst aus meiner Optik beschreiben. Bei Barbara Nassauer war ich jedoch überzeugt, dass sie genug Vorstellungskraft aufbrachte, dies zu bewerkstelligen.


Da Konflikte von Kränkungen und Ärger geprägt waren, konnten die Parteien jeweils ihre Positionen nicht auf die Schnelle verlassen. „Ich mache sicher nicht den ersten Schritt!“ oder ähnlich Aussagen deuteten jedoch schon darauf hin, dass eine Grundbereitschaft da war, überhaupt einen Schritt hin zu einer gemeinsamen Lösung zu machen. Oft standen sich die Leute jedoch selbst im Wege und wollten ihr Gesicht nicht verlieren. Sie wollten nicht als diejenigen dastehen, die zu schnell nachgegeben hatten. Das konnte aus ihrer Sicht als Schwäche ausgelegt werden und ihre Verhandlungsposition unterminieren. Noch schlimmer, viele Leute hatten Bedenken, der Gegenseite dabei sogar zusätzliche Munition zu liefern. In solchen Situationen bot ich mit dem Rollentausch den Parteien eine Möglichkeit, gesichtswahrend und unverbindlich Gefühle oder auch schon Optionen anzusprechen. Mir gegenüber als neutrale Partei konnten sie sogar ihre Haltungen und Lösungsideen frei formulieren auch oder gerade, wenn die andere Partei im Raum anwesend war.


Frau Nassauer beschrieb treffend und wortreich, wie sie sich selbst sah und fühlte. Sie erwähnte ihren Ärger und ihre Wut und insbesondere auch die Trauer über ihre Pflanzen. Später, als sie die Aussagen von Herrn Assgauer hörte, beschrieb sie, wie sie sich selbst sah: Betroffen und überrascht von den Schilderungen ihres Nachbarn. Sie liess auch durchblicken, dass sie in gewissen Punkten vielleicht zu voreilige Schlüsse gezogen hatte.


Franz Assgauer hatte uns über seine Haltung aufgeklärt und somit den ersten Schritt gemacht: „Wissen Sie Herr von Klarau, ich war total gekränkt von der Art, wie Frau Nassauer von mir eine Entschädigung forderte. Ich wäre ja bereit gewesen, ihr auch etwas zu zahlen, wenn sie zugeben hätte, dass sie sich im Ton und der Art vergriffen hatte. Aber nein. Sie hat mich runtergeputzt. Sie müssen doch zugeben, da ist es verständlich, dass ich auf stur schalte. Klar, eventuell habe ich ein wenig überreagiert, kann schon sein. Aber das auch nur, weil Frau Nassauer mir dann auch noch mit der Polizei und Sonstigem gedroht hat.“ Aus Erfahrung kam die Mediation mit solchen oder ähnlichen Aussagen einen gewaltigen Schritt vorwärts. Das waren genau die Schlüsselmomente, auf die wir hinarbeiten mussten. Solche Aussagen ermöglichten, die verhärteten Sichten aufzuweichen. Ich konnte es höchstens noch verpfuschen.


Ich stellte fest, dass Barbara Nassauer Franz Assgauer interessiert zugehört hatte und es war offenkundig, dass sie über das Gehörte nachdachte. Sie verband die Aussage von Franz Assgauer mit ihrer Wahrnehmung des Erlebten. Sie erkannte, dass auch ihr Verhalten eine Reaktion bei der Gegenpartei, in Person von Herrn Franz Assgauer, ausgelöst hatte.


Meine Aufgabe war nun, dass diese Erkenntnisse bestätigt wurden und sich setzten. Dazu paraphrasierte ich die Aussage von Franz Assgauer: „Habe ich Sie richtig verstanden Herr Assgauer, dass Sie sich durch die Art und Weise, wie Frau Nassauer Ihnen gegenüber die Forderung gestellt hatte, gekränkt fühlten?“ Dabei betonte ich die ‚Art und Weise‘ leicht und schaute bei der Nennung von Barbara Nassauer diese auch kurz an. Ich nutzte auch das Wort ›fühlen‹, da damit kein vermeintlicher Fakt ausgesprochen wurde, der unterschiedlich beurteilt werden konnte. Gefühle waren individuell und jeder akzeptierte, dass diese persönlich und somit ›wahr‹ waren. Eine solche, subtile Vorgehensweise war entscheidend in einer Mediation. Die Leute mussten beginnen darüber zu sprechen, was genau sie aufgewühlt hatte. Die Gegenpartei hatte dann die Möglichkeit, sich wiederum in das Gegenüber zu versetzen.


Ich sprach Herrn Assgauer an: „Sie haben dann erwähnt, dass sie eventuell ein wenig überreagiert haben, als Frau Nassauer sogar mit der Polizei drohte.» Ich formulierte dies als Feststellung und liess die Aussage jedoch wie eine Frage ausklingen. Franz Assgauer nickte bestätigend. Er fühlte sich von mir verstanden.


„Das habe ich doch gar nicht so ernst gemeint“, beschwichtigt Frau Nassauer. „Ich habe mich einfach so geärgert, dass sie mir die Türe vor der Nase zugeschlagen haben. Das war nicht die feine Art.“


„Das gebe ich zu, ist wirklich nicht ein feines Verhalten, ist auch sonst nicht meine Art, anderen Leuten die Türe vor der Nase zuzuschlagen“, erwiderte Herr Assgauer, „aber Sie haben an meiner Tür geklingelt und mir dann, ohne guten Tag zu sagen, an den Kopf geworfen, dass ich Ihre Blumen ertränkt hätte. Ich war nur baff. Dann haben Sie verlangt, dass ich den Fernseher abstellen sollte, den ich im Hintergrund laufen liess, während wir an der Türe sprachen. Das fand ich eine Zumutung. Ich war nämlich gerade am Schauen des Champions-League Halbfinal-Spiels zwischen Chelsea und Liverpool. Und trotzdem bin ich an die Türe gekommen.»


«Darum hat das so lange gedauert, bis Sie die Türe geöffnet haben», sagte Frau Nassauer, «ich dachte, Sie wollten einfach nicht mit mir sprechen, weil Sie ein schlechtes Gewissen hatten.»


«Wie hätte ich denn wissen können, dass Sie es sind Frau Nassauer?», erwiderte Herr Assgauer, «zudem habe ich mich eh darüber geärgert, dass überhaupt jemand während dieses wichtigen Fussballspiels an der Türe läutet. Habe dann auch ein wenig länger gewartet. Sie haben aber auch nicht aufgehört zu läuten, Frau Nassauer.“


„Ich habe eben den Fernseher gehört und gewusst, dass Sie anwesend sind“, warf Frau Nassauer dazwischen.


„Wie dem auch sei, ich bin ja an die Türe gekommen. Sie haben dann, ohne richtig Hallo zu sagen, begonnen mich zurechtzuweisen. Ob ich eine gute Kinderstube gehabt hätte, ob es normal sei, dass ich den Fernseher laufen liesse, wenn ich mich mit Leuten unterhalte. Ob ich die Pflanzen willentlich getötet hätte. Ich war echt perplex. Dann haben Sie mir eine ihrer Zimmerpflanzen entgegengestreckt und mir vorgeworfen, dass ich diese – und andere ihrer Art – während meines gutnachbarschaftlichen Zimmerpflanzengiessdienstes bei Ihnen ertränkte hätte.“


Ich habe mich eben total aufgeregt, ich hänge sehr an meinen Pflanzen“ erwiderte Frau Nassauer kleinlaut. „Und da komme ich nach zwei Wochen aus meinen Ferien zurück, die eh schon völlig verregnet waren, freue mich auf meine Pflanzen und alle sind tot. Ertränkt durch Sie, wie ich dann schnell festgestellt hatte.“


„Ich weiss doch, dass Sie an ihren Pflanzen hängen, Frau Nassauer. Darum habe ich mich ja vor Ihren Ferien auch sofort bereiterklärt, diese während Ihrer Abwesenheit zu giessen. Habe es wirklich nur gut gemeint. Ich war der Ansicht, die bräuchten einfach mehr Wasser. Aber dass Sie mich dann so zur Schnecke machen, war zu viel. Sie haben begonnen meine Kinderstube zu erwähnen, die – wohlgemerkt – geprägt war von einem sehr autoritären Erziehungsstil meines Vaters. Mein Vater hat mir einwandfreie Manieren eingebläut, glauben Sie mir. Und in diesem Moment kommen Sie und erinnern mich an meine Kinderstube. Das hat mich dann doch sehr getroffen. Dabei hatte ich wirklich Freude, dass ich Ihnen mit dem Pflanzengiessen vermeintlich eine Freude habe machen können.“


„Oh, die Aussage mit der Kinderstube tut mir leid. Ich war Ihnen ja auch sehr dankbar, dass Sie das mit dem Blumengiessen übernommen haben. Heute ist es ja zum Teil schwer, nette und hilfsbereite Nachbarn zu haben. Jeder ist für sich alleine. Kontakte werden vermieden. Ich finde das schade, mache aber zugegebenermassen auch wenig, um das in meinem Umfeld zu ändern. Ist eigentlich kein Wunder, dass sich Nachbarn nicht mehr helfen. Wir hatten ja bis anhin auch wenig Kontakt. Da meine Kinder zur gleichen Zeit wie ich in den Ferien weilten, hatte ich leider niemanden aus der Familie, der das Pflanzengiessen für die zwei Wochen übernehmen konnte. Daher habe ich Sie gefragt. Sie wohnen ja auf der gleichen Etage wie ich, gleich gegenüber, daher dachte ich einfach …“, sie zögerte.


„Wie gesagt Frau Nassauer, ich fand es toll, dass sie mich gefragt haben. Wir leben ja auch schon fünf Jahre Tür an Tür …“


„Sechs“, unterbrach ihn Frau Nassauer.


„Ah, sechs Jahre… Auf alle Fälle hatten wir während dieser sechs Jahre kaum Kontakt. Hat vielleicht mal für ,guten Morgen‘ und ‚guten Abend‘ gereicht. Sonst haben wir, denke ich, kein Wort gewechselt. Ich habe nicht so viel Kontakt mit anderen Leuten und ich gebe zu, dass ich einfach Freude hatte, dass ich jemanden, Ihnen, helfen durfte. Seit ich pensioniert bin, werde ich nicht mehr von vielen um Rat angefragt, geschweige denn gebeten, bei irgendwas zu helfen.“


„Tut mir leid“, sagte Frau Nassauer bedrückt, „ich wollte Sie nicht kränken Herr Assgauer, ich kann ahnen, wie sich das anfühlt, wenn man alleine ist. Ich habe zwar das Glück, dass mein Sohn und meine Tochter mich regelmässig besuchen kommen, aber seit mein Mann gestorben ist, sind die Tage deutlich länger geworden. Tut mir leid, wenn ich das erwähne, aber ich habe auch festgestellt, dass Sie selbst fast nie Besuch bekommen. Das Haus ist ja doch sehr ringhörig“, sagte sie mit einem verschämten Blick nach unten, als ob sie gerade beim Lauschen ertappt worden wäre.


Es trat von beiden Seiten betretenes Schweigen ein. Ich hatte die ganze Zeit nur zugehört und nicht eingegriffen. Beide schauten mich gleichzeitig an und ihre Blicke fragten mich ›und nun, Herr von Klarau, wie geht es weiter?‹


„Frau Nassauer, Herr Assgauer, ich muss nicht nochmals alles zusammenfassen. Sie Frau Nassauer haben verstanden, warum Herr Assgauer so reagiert hat und Sie Herr Assgauer können ebenfalls die Reaktion von Frau Nassauer nachvollziehen“. Beide nickten und schauten sichtlich betreten.


„Gut“, fuhr ich weiter, „Ich danke Ihnen beiden sehr, dass sie so offen und ehrlich über das gesprochen haben, was Sie bewegt. Das haben Sie wirklich gut gemacht.“ Ich machte eine Pause.


„Nun, Frau Nassauer, was das ursprüngliche Streitobjekt, nämlich der Ersatz Ihrer Pflanzen respektive die Wiedergutmachung betrifft …“ setzte ich bewusst langsam an.


„Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Pflanzen ersetzen könnte“, sagte Herr Assgauer schnell, bevor Frau Nassauer was sagen konnte.


„Frau Nassauer, was sagen Sie dazu?», fragte ich.


Meine Rolle beschränkte sich nun nur noch darauf, als Vermittler für die abschliessenden ‚Verhandlungen‘ zwischen Frau Nassauer und Herrn Assgauer zu fungieren. Ich wollte sicherzustellen, dass konkrete nächste Schritte und Massnahmen vereinbart wurden. Auch wenn das im vorliegenden Falle nicht mal im Zentrum stand. Ich beendete jedoch keine Mediation, wenn nicht konkrete Massnahmen vereinbart wurden. Es war auch in diesem Falle nicht damit getan, nur zu quittieren, dass sich zwei gefunden hatten. Ich konnte nicht davon ausgehen, dass die zwei, zwar an Erkenntnis reicheren Klienten, ohne weiteren Anschub den Rest hinkriegten. Die Basis war stabil, ich wollte jedoch zur Resultatssicherung, Frau Nassauer und Herr Assgauer dazu bringen, auch konkrete nächste Schritte einzuleiten.


„Ich nehme das Angebot von Herrn Assgauer gerne an“, sagte Frau Nassauer immer noch zu mir gerichtet.


„Und wie stellen Sie sich das genau vor?“, fragte ich, ohne jemanden Speziellen damit anzusprechen.


„Nun, Sie sagen mir, wie viel die neuen Pflanzen kosten und ich gebe Ihnen das Geld“, sagte Herr Assgauer direkt zu Frau Nassauer gerichtet. Frau Nassauer runzelte die Stirn.


„Was wären Alternativen?», fragte ich Herrn Assgauer, der sehr wohl auch das leichte Stirnrunzeln von Frau Nassauer bemerkt hatte. So ergänzte er rasch „Ich könnte Sie auch bei einem Pflanzenkauf begleiten, wenn Sie möchten. Ich meine nur, wenn Sie das nicht stört“, präzisierte er hastig, um ja keinen falschen Eindruck zu hinterlassen. «Ich meine sonst ist das ja so unpersönlich.».


„Gut, was wäre sonst noch denkbar? Was meinen Sie Frau Nassauer?“ fragte ich.


„Also ich finde das mit dem gemeinsamen Pflanzenkauf eine gute Idee. Wenn Sie mir einfach nur das Geld geben Herr Assgauer, empfinde ich das doch eher als Geringschätzung“, ergänzte sie.


Ich wiederholte meine vorhergehende Frage „Sehen Sie neben dem gemeinsamen Pflanzenkauf noch andere Möglichkeiten?“


Frau Nassauer dachte nach: „Ich weiss ja nicht, ob das eine gute Idee ist, aber Herr Assgauer könnte mich ja auch zum Essen einladen. Also, ich muss noch ergänzen, dass ich noch gar nicht weiss, ob ich das überhaupt möchte», sagte sie schnell. «Sie Herr von Klarau haben mich aber nach Ideen gefragt“, sagte sie beinahe entschuldigend.


„Da haben Sie recht Frau Nassauer, ich habe Sie beide tatsächlich gebeten, einfach mal Ihre Ideen zu äussern. Sie können gemeinsam festlegen, welche Ideen Sie beide weiterverfolgen und welche Sie verwerfen», erwiderte ich. „Und was sagen Sie Herr Assgauer?“


Herr Assgauer konnte seine Begeisterung nicht verhehlen: „Also ich gebe zu, ich finde das eine tolle Idee. Ich würde Sie gerne zu einem Abendessen in ein nettes Restaurant einladen, Frau Nassauer. Dann komme ich auch wieder mal unter Leute und Sie können sich freuen, dass Ihr komischer Nachbar sozusagen mal zu Besuch bekommt“.


Er lächelte scheu.


„Gut und was ist Ihr Beitrag Frau Nassauer?“, fragte ich unvermittelt.


„Mein Beitrag?“, fragte die Angesprochene verwundert zurück.


„Nun ja, wahrscheinlich ersetzt Ihnen Herr Assgauer die Pflanzen, sicher jedoch lädt er Sie zu einem guten Essen ein. Und was machen Sie?“


„Ähm…nun…“, sie verstand. „Tja, ich kann nicht viel mehr anbieten, als meine Entschuldigung, dass ich überreagiert habe“, sagte sie in meine Richtung. Ich nickte fast unmerklich mit dem Kopf in Richtung von Herrn Assgauer.


„Also…ähm…Herr Assgauer“, räusperte sich Frau Nassauer.


„Ist nicht notwendig!“, erwiderte dieser schnell.


„Doch ist es!“, sagte sie bestimmt. «Herr von Klarau hat absolut recht, dass er mich darauf aufmerksam macht. Ich möchte mich, nein ich möchte nicht nur, sondern ich entschuldige mich bei Ihnen für meine rüden Worte über Ihre Kinderstube und dass ich Ihnen unterstellt habe, meine Pflanzen absichtlich getötet zu haben. Das war nicht nett von mir und ich danke Ihnen im Nachhinein, dass Sie zumindest versucht haben, meine Pflanzen zu giessen.“


Ich musste mir ein Lachen über die letzte Aussage verkneifen.


„Ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an Frau Nassauer“, sagte Herr Assgauer.


Der Rest waren nur noch Formalitäten. Ich fasste alles nochmals zusammen und bot ihnen entsprechende Unterstützung an, falls sie nochmals meine Hilfe wünschten. Ich erklärte ihnen auf Rückfrage von Herrn Assgauer, dass ich ihnen die Rechnung wie vereinbart zu gleichen Teilen in den nächsten Tagen zustellen würde.


Es war kurz vor zwölf, als ich die beiden zur Türe begleitete. Hand in Hand verliessen die beiden das Haus nicht, zumindest noch nicht. Ich hatte mich gegen Schluss der Mediation eher wie ein Kuppler gefühlt. Wahrscheinlich hatte ich wieder mal meine eigenen Grundsätze nicht ganz eingehalten. Ich hatte die Geschicke so gelenkt, wie ich es für gut befunden hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen keines.


Ich verabschiedete beide mit einem Händedruck. Frau Nassauer gab ich, wie es sich gehörte, zuerst die Hand.


Ich sagte: „Auf Wiedersehen Frau Assgauer», …und biss mir auf die Zunge.

(Ende des 2. Teils).